Sonntag, 23. September 2012

- LXXII - Wer bin ich?

Ich bin ein Wort, im Satz stehend, in eine Zeile passend, für ein Buch geschaffen. Still und leise verbringe ich meine Existenz in diesem Werk, füge zusammen und teile, erschaffe Anfänge und schließe Enden ab. Erfinde Welten, zerstöre Reiche - für alles die Verbindung, der Kleister neuer Zweisamkeiten, alter Partnerschaften.

Wie ein Ton, flüchtig und kurzlebig, in der Komposition von etwas Großem stehen, ein Teil sein. Dem Canon folgen, leben, genießen und sein.

In ewiger Suche nach dem Wort, der passenden Bedeutung und dem Sinn der Existenz findet sich die Antwort so leicht.

Donnerstag, 6. September 2012

- LXXI - Rettendes Vertrauen

Leise Schritte auf dem Marmorboden; das ständige, nicht leiser werdende, Hüpfen der ohrenbetäubenden Schreie in meinem Kopf, die sich mit qualvollen Krallen in meinen Geist bohren. Ich schüttel mich, versuche wie ein Hund die Tropfen der Belästigung los zu werden, doch wie eine penetrante Mücke bleibt alles beim Alten. Stimmen verharren, das Gekreische setzt nicht einmal ab. Übrig bleibt das wandern in die Ohnmacht, das fallen lassen in die bekannte Dunkelheit.

Ein weißer Raum. Eine Vase mit Blumen, eine Person neben mir. Nur wage nehme ich die Gegebenheiten der Gegenwart wahr, versinkt der Geist viel zu gerne wieder in der Dunkelheit. Und doch spüre ich die vertraute Wärme einer Hand, den Druck der Zuversicht, der Hoffnung.

Erdrückende Wassermassen; kaum noch in der Lage zu Atmen strampel ich, versuche panisch von hier weg zu kommen. Um nicht unter der schweren Last zugrunde zu gehen, um nicht in all der Angst zu ertrinken. Doch immer wieder werde ich herunter gedrückt und fest gehalten, immer wieder muss ich kämpfen und leiden, zittern und all dies ertragen. Erst wenn der Körper versagt schwebe ich herauf, komme an die Oberfläche und erhasche einen Moment der Ruhe. Nur damit alles wieder von vorne anfängt, ich erneut in der Erdrückung versinke.

Es ist das Lächeln, das über all die Gedanken, die tragischen Momente, siegen kann. Das Lächeln, das die Wunden verschließt und einen aus dem Koma holt, aus der Trance der ständig anhaltenden Misshandlung.