Mittwoch, 26. Dezember 2012

- LXXXIII - Phönix

Gedanken tragen Keime, diese kleinen unbeugsamen Kerne großartiger Bauten, unfällbarer Gebilde. Im wachsenden Regen steigen sie empor, ranken sich um die Gerüste morscher Mauern und befestigen die brüchigen Steine, verbinden die fehlerhaften Stellen der Festung. Und wie von einem sicheren Schild bewacht wachsen die neuen Sprösslinge heran, behütet, vor äußeren Einflüssen bewahrt.

Vor vielen Jahren sah ich die alten und überwucherten Gemäuer das letzte Mal, trat über längst vergessene Pfade, umarmte die nun zerfallenen Säulen.
Inzwischen ist der Garten zerstört, die erblühenden Blumen sind verdorrt und die einst fruchtbaren Keime verschwunden. Vom Gärtner allein gelassen verloren die Pflanzen ihren Halt, die Gedanken ihre Stütze und wurden das Opfer der Zeit.

In der Asche stehend seh ich den Überresten beim verschwinden zu, puste die kleinen Flocken davon und folge der verloren geglaubten Glut, den feurigen Keimen der Gedanken.

Montag, 17. Dezember 2012

- LXXXII - Wandernde Musik, von einem Ort zum Nächsten

Erkaltende Höhen, verwehende Weiten. Im Rausch der Unendlichkeit fliege ich dahin, von einem Hügel zum nächsten und lausche der unaufhaltbaren Musik, den immer währenden Klängen in all ihrer Vielfalt. Und während der Mond in all seiner Schönheit über mich wacht zeigen mir die Sternen den Weg hinauf in neue Höhen, über weitere Gipfel, durch neue Täler.

In unstillbarer Gier finden sich die Schritte auf dem Pfad wieder, folgen alten Spuren, längst vergessenen Geschichten. Mit Karten zu zerfallenen Ruinen, ausgerotteten Völkern und vertriebenen Stämmen auf der Suche nach den Erlebnissen der Vergangenheit. Und irgendwann finde ich mich in den Erinnerungen wieder, sehe die Schönheiten des Lebens, die Schatten des Daseins, während die Menschen vergehen und in weiter Ferne verschwinden.


Donnerstag, 13. Dezember 2012

- LXXXI - In der Sucht verfangene Fragen

In Worten ertrunken, von Wahrheiten belebt, Erkenntnissen erfüllt. Mit jedem weiterem Becher steigt mein Pegel, wächst die Sehnsucht und erklimmt die vermissenden Höhen der Gefühle. Und während Unerkenntliches im Rausch der Trunkenheit versinkt, steigt der Spaß in von Gondeln geführten Bahnen über unantastbare Gipfel.

 Unvorsichtig springt der Stein über den Spiegel, erschafft aufeinander folgende Erschütterungen, zerstörende Wellen. Mit fremden Farben gemalte Bilder verschwimmen, zerspringen und zerfallen in tausend Splitter, während die Überbleibsel in schmerzhafter Erinnerung schwelgen und sich neu formieren. Zu neuen Bildern, Lügen und Wahrheiten.

 Was, wenn ich die Antwort schon längst gefunden habe und nur noch nach der Frage suche, nach dem Alles veränderndem Rätsel des Seins? Auf die Frage wartend folge ich dem selbst gepflastertem Weg und suche die verlorenen Seiten der Seele.

Montag, 3. Dezember 2012

- LXXX - In glücklicher Angst versinkende Moral

Unerträglich plätschert der Bach vor sich her, treibt von einem Stein zum Anderen; unaufhaltbar, einer unsichtbaren Uhr folgend. Und mit jedem Stein, jedem weiterem Widerstand, verändert sich die Last, wird leichter, wird schwerer.

In unerreichbaren Höhen streckt das Glück die Fühler aus, schenkt unzertrennbare Zuversicht, unwiederlegbare Gelassenheit. Und nach tausenden von Schritten verschwinden die Fragen nach Richtig und Falsch. Übrig bleibt das Wissen um das Jetzt.

An der Klippe stehend bemerke ich wie tief es herunter geht, wie weit der Boden entfernt ist, wie hoch ich geklettert bin. Schwindelartig erregt breiten sich meine Schwingen aus, werden vom Wind erfasst und ziehen mich über den Abgrund. Und erst im trudelndem Sturz, im unsteuerbarem Abstieg, wird das Warten zu einem Krampf, zu einer unerträglichen Last auf den Schultern.

Mit gebrochenen Flügeln zurück gelassen schreibe ich meine Geschichte, lerne erneut zu fliegen und vergesse was einst war.