Mittwoch, 17. April 2013

- XCII - It's only a dream.

Der Wind umspielt das immer länger werdende Haar, flüstert leise seine Liebkosungen und lässt das wunderschöne Orchester in der Seele erklingen. Immer weiter, höher und schneller trägt der Klang die Gedanken, Erinnerungen und Wünsche. Grenzenlos aufsteigend werden Gipfel zu kleinen Punkten, verstecken sich hinter Massen flauschiger Wolken und warten auf die abstürzende Wende.

Vom Leben gerufen tragen die Füße einen immer schwerer werdenden Ballast mit sich, versucht so viel wie möglich zurück zu lassen. Und doch finden die ermüdenden Augen nur den schwachen Abdruck vergangener Taten, bemerken die scheinbar unüberwindbaren Mauern alter Epochen. Einer unerfüllbaren Wahl überlassen verbleibt der Aufstieg in verletzende Höhen. Über spitze Steine, glatte Flächen und unebenes Gelände drängt der Weg die immer kraftlos werdenden Gemüter. Und jeder Akt wird zur Qual, von Zweifeln zerfressen, Ängsten gepiesackt und mit schwindendem Vertrauen behaftet. 

Ein mit Willem behaftetes Bild treibt die flügellose Existenz an, erhebt die Füße über Steine, reißt Mauern nieder und schenkt dem Gebeugten Kraft, erlöst den Ängstlichen mit Mut. Folge doch nur meinem Schicksal, um zu vergessen was einst war, um zu sehen was um mich herum lebt und gedeiht. Um zu bemerken, dass ich bin.

Kommentare:

  1. Ja, das weiß ich. Aber manchmal ist da eine Wortlosigkeit, die mir schier den Atem raubt. Und dann schreibe ich, dass ich nicht atmen kann, dass ich nicht schreiben kann, und habe es doch wieder getan, geatmet. Und geschrieben.
    Aber manchmal ist da so viel in meinem Kopf, so viele Worte, so viele Dinge, dass ich sie nicht ausdrücken kann, dass es zu viele und gleichzeitig zu wenig Worte sind, dass alles irgendwie nicht zusammen passt, ich anfange zu schreiben, den Stift hinlege, nachdem ich zehnmal meine Schriftart verändert habe, und aufgebe. Und dann wieder ansetze und trotzdem etwas fehlt, für die Bilder, für die Verständlichkeit.

    Und das ist exakt das, was es hier ausmacht. Wie könnte man innere Verwirrung, innere Rastlosigkeit, innere Unruhe bessere ausdrücken als mit einer Form, die nicht zu den Worten passt und mit Worten, die nicht zueinander passen und mit Brüchen, wo eigentlich keine Brüche sind, mit Zeilen, die gleichermaßen zusammen gehören, wie sie auch getrennt voneinander stehen. Wie könnte ich anders ausdrücken, dass es hier nicht weitergeht als in einer fließenden Bewegung, die von Stolpersteinen unterbrochen wird? Wie könnte eine Metapher für sich stehen, wenn nichts mehr in Reih und Glied steht? Worte sind keine Soldaten.

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  2. Stille generell ist herausragend. In allen Dingen. So kann ich nur in Stille wirklich schreiben. Nicht wenn Musik läuft, nicht wenn irgendwo irgendwer laut redet.
    Das genau ist das Problem. Darüber habe ich auch in einem meiner letzten Texte geschrieben. Dass ich manchmal lieber malen würde, als zu schreiben. Aber als Maler hat man das Selbe Problem. Die Farben passen nicht. Es ist nicht realitätsgetreu. Und dann frage ich mich: Ist es überhaupt das, was ich darstellen will? Realität? Sind Gefühle, Worte real?

    Falsch eingesetzt, wenn überhaupt - Viel zu oft werden sie verkürzt, werden ausgetauscht, verlieren ihre Bedeutung, werden aneinandergereiht, werden blind gemacht. Für Leser und Schreiber.

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  3. Deswegen ist es immer auch diese Antwort, wenn mich jemand fragt, wie lange ich denn an so manch einem Text gesessen habe: Ich weiß es nicht.
    Die Zeit steht in solchen Momenten nicht. Es können Stunden oder Sekunden vergangen sein, ich kann es nicht sagen. Es gibt in solchen Momenten nur mich und die Worte.
    Ja, da stimme ich Dir zu. Aber es ist einfach so, dass man immer gerne das hätte oder könnte, was man nicht hat, was man nicht kann.

    Oder noch so oberflächlich - Manchmal dichtet man etwas in Worte, was beim Schreiben überhaupt nicht dagewesen ist. Aber den Blick haben die meisten Menschen sowieso verloren.
    Worte noch als Realität anzusehen ist ein hartes Stück, wenn man sich die heutige Gesellschaft und ihre Worte anschaut.

    Schöner hätte man es nicht ausdrücken können. Früher waren es noch Worte, die ein jeder verstand, die noch für etwas standen. Heute ist "Herz und Schmerz" ein abgegriffener Reim, der nur noch Goethe zugeschrieben werden darf. Und "Liebe und Hass" sind die Allgegenwärtigkeit in sich, als Gefühl und auch als Wort. Für jeden eindeutig, doch nur, weil sie bedeutungslos geworden sind, nicht etwa, weil ein jeder sich die Bedeutung lange hat erschließen müssen.
    Heute muss man nach den Farben suchen, aber das Grau überwiegt. Es ist vielleicht nicht die Zeit der Trümmerliteratur und doch liegt Literatur in Trümmern. In unbegreiflichen, unhaltbaren Trümmern, die niemand mehr zu ergründen wagt. Die Trümmer werden nur weiter weggeschafft werden, ohne dass ihr Innerstes von Belang wäre. Die Oberflächlichkeit zählt: Alles muss sauber und ordentlich sein. Der Stil darf keinen Bruch haben, Gedichte müssen sich reimen und hinter jeden Hauptsatz gehört ein Punkt. Es ist kein Platz für Auslegungen, alles muss deutlich bestimmt und kategorisch gegliedert sein. Nichts darf mehr zum Nachdenken anregen. Alles eben in Reih und Glied.

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  4. Das Gelehrte ist die Barriere, die dem Leser und dem Schreiber in den Weg gesetzt wird. So ist eine Vielzahl an guten Autoren daran zugrunde gegangen, dass sie auf Zeit schreiben mussten. Die Zeit ist der personifizierte Tod für einen jeden Schreiber. Und doch ist es die einzige Kategorie, in der der Mensch noch zu denken vermag. Zeit, Zeit vergehen, Warten, Foranschreiten, immer die Zukunft im Blick haben, die Zeit, nicht für einen Moment mal alles von sich lassen und die Uhr nicht im Nacken haben.

    Der Schreiber ist mehr denje ein Künstler, wenn er, so ergeht es zumindest mir sehr oft, nicht nur das Endprodukt sieht, sondern in erster Linie den Prozess des Schreibens. Oftmals sind es die unbewussten und ungewollten Dinge, die einen Text zu einem Text machen. Hinterher kann man immer mehr sagen als vorher.
    Manchmal finden andere etwas in Texten, auch von mir, was ich selber nicht gesehen habe.
    Die Realität, die beim Schreiben entsteht, ist mehr als nur eine Welt, es ist eine Abbildung, die aus Versunkenheit entsteht, eine Abbildung, die daraus entsteht, dass man nicht abbilden will, nicht abbilden kann, weil man sich dem Schreiben hingibt und einfach aufschreibt, was für einen selbst vielleicht real ist, doch durch die Worte eine Form annimmt, die nimmermehr real sein kann. Eine Form, die alles sprengt, die Grenzen verschwimmen lässt, weil die Worte nicht vom Autor für einen gewissen Inhalt gewählt werden, sondern der Inhalt die Worte wählt und sie somit einfach so kommen, wie sie vielleicht nicht einleuchtend erscheinen, aber für den Schreiber richtig wirken. Dabei ist es die Wirkung. Als Schreiber hat man immer auch einen Leser im Kopf, doch in allererster Linie denkt man nur an sich selbst und schreibt nur über sich selbst und verwendet dabei Worte für sich selbst, die dem anderen ganz anders erscheinen, die für den Leser ein ganz anderes Licht aufwerfen.

    Und das Bild wird immer kleiner, der Haufen wird immer kleiner. Die Welt hat nichts mehr zu bieten, könnte man meinen. Doch in ihr steckt so viel, wenn man sie nur betrachten mag. Doch die Betrachtung, die Achtung, fehlt. Es muss alles individuell sein, um am Ende gleich zu sein. Es muss alles passen, nichts darf unpassend oder gar anstößig sein. Jeder steht für sich, soll aber für die anderen stehen. Die Welt soll erschlossen werden, der Fortschritt sollte es möglich gemacht haben. Doch dass die Welt unerschließbar ist, das wird nur in den richtigen Worten noch deutlich. Doch wenn diese nicht gesehen werden, dann sind bald keine Trümmer mehr übrig, keine Stellen mehr, die es noch zu ergründen gilt. Dann ist alles einheitlich, alles richtig, alles so, wie es sein soll - Die schönsten und ehrlichsten Worte verlieren ihren Wert durch die Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die eigentlich nicht greifbar ist, doch von den Menschen immer ergriffen werden musste. Unbegreifbares ist nichts, was standartisiert werden kann, Worte beschreiben aber eben jenes Unbegreifbare. Und da die Gesellschaft das nicht verträgt, müssen auch die Worte ihre Bedeutung verlieren, damit nicht an Dingen gerührt wird, die alle schon lange hinter sich zu lassen geglaubt haben.

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  5. Es ist eben nichts mehr, wie es einmal war. Es heißt, der Mensch strebe die Freiheit an, doch je größer sein Streben dahin ist, desto mehr verfehlt er sein Ziel. Die Literatur zeigt das nur allzu deutlich.
    Ebenso ist es mit der Zeit. Man könnte meinen, weil wir älter werden, als noch vor Jahrzehnten, hätten wir auch mehr Zeit. Doch das stimmt nicht. Im Anbetracht der "vielen" Zeit haben wir vergessen, die Zeit auch zu nutzen, die Zeit auch einmal zu verlieren, uns auch mal Dingen hinzugeben, nicht nur dem Trott zu folgen, nicht nur auf Morgen zu schauen. Alles ist heutzutage nur auf den nächsten Tag ausgerichtet: Einfältigkeit also ein muss. Alles muss schnell gehen: Produzieren im Übermaß.

    Das geht natürlich nicht. Der Schreiber, wie Du sagst, ist der größte Kritiker. Und auch der einzige, der Kritik zu üben vermag. Denn ein Schreiberin kennt den Prozess, weiß, wie viele Ansätze es brauchen kann, wie viel Zeit es braucht, bis man das "Ich" in seinen Sätzen gefunden hat. Seinen sogenannten Stil. Es gibt immer einen roten Faden, immer etwas an dem man festhält, doch niemals etwas festes. Schreiben ist und bleibt ein Prozess, der bestehen bleibt. Wenn man sich eingestehen kann, dass man sich selber verändert, dann kann man sich auch eingestehen, dass sich das Schreiben verändert. Manchmal zum Guten, manchmal bis hin zur Wortlosigkeit.
    Manchmal hat man seinen Leser im Kopf, aber meist ist es diese Trance, ja. Manchmal ist es dann aber auch erschreckend, was man da niedergeschrieben hat, ohne es vielleicht zu wollen. Gerade in dem Zustand der inneren Verwirrung, in dem ich mich befinde, ist es unheimlich, wie meine Worte mich noch mehr dahinneineeißen können, was sie offenbaren. Aber oft bekommt man Erkenntnise nur durchs aussprechen, oder eben schreiben. Und manchmal legt man eine Last ab, weil man alles ausgesprochen hat. Aber ebenso manchmal fühlt sich ein Text falsch an, weil er nicht das enthält, was er sollte.

    Das mussten wir schon immer. Aber das ist eben nicht immer einfach und die Einfachheit ist es, die dem Menschen die Realität erträglich macht. Wenn man immer hinter alles blickt, verzweifelt man nun mehr an allem, auch oder gerade an den kleinsten Dingen. Deswegen haben die Menschen aufgehört, mehr als nur schwarz und weiß zu sehen. Und bringen das auch allen bei. Kategorisches denken anstatt kategorischer Imperativ.
    Der Mensch soll allwissend erscheinen und bloß nicht mehr zweifeln. Und bloß nicht zu viel hineininterpretieren. Eigene Gedanken könnten nur etwas verändern, deswegen werden sie nicht gefördert, zwar auf eine andere Art, entschuldige den Vergleich, aber eben doch wie im Nationalsozialismus. Nur nicht so offensichtlich. Und eher aus der Gesellschaft selbst heraus.

    Du sagst es.

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  6. Ja, Zeit ist heute eben Geld und das "Mehr" an Zeit, das wir angeblich haben, ist auch nur ein Mehr an Geld, das wir verdienen müssen und ein Mehr an Geld, das wir überhaupt nicht für uns, sondern für die anderen verdienen. Wir sind dazu verdammt, unsere Zeit dafür zu nutzen, dem Ziel der Gesellschaft zu folgen. Wir dürfen keine eigenen Ziele mehr haben, wir müssen immer geradeaus gehen und bloß nicht auf Irrwege geraten, weil die Gesellschaft von uns verlangt, dass wir unsere Zeit effektiv "nutzen". Und dieses "Nutzen" besteht eben nicht aus 'sein Leben leben', sondern viel mehr aus bloßer Existenz, weil wir ja später noch genug Zeit haben, um irgendwie zu leben. Auch wenn wir dann überhaupt nicht mehr in der Lage dazu sind. Wir müssen gestern schon wissen, was in zwanzig Jahren zu tun ist.
    Ich meine, das beste Beispiel dafür ist meine Situation im Moment. Ich bin gerade mitten im Abitur. Die meisten um mich herum haben schon eine Ausbildungsstelle oder wissen, wo sie für ein Jahr hingehen. Ich selber habe mich offensichtlich zu sehr damit aufgehalten, mich über die Benotung aufzuregen, zu kritisieren, dass Schule nichts über Intelligenz aussagt, dass ich vielleicht wirklich schlecht in Mathe bin, aber eigentlich nicht verstehen kann, warum ich um meine 1 im mündlichen in Deutsch so hab kämpfen müssen, nur weil ich keine Fachtermini benutze und mich lieber verständlich als überheblich ausdrücke.
    Doch die Zeit ist weitergelaufen. Und wird auch weiterlaufen. Und ich habe keine Chance, das zu studieren, was ich will, weil die Zeit immer schneller gelaufen ist, als ich Gedanken in Worte hätte fassen können. Aber ich kann auch nicht einfach warten. Ich muss etwas finden. Ich muss die Zeit nutzen. Sagt die Gesellschaft.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass man sich nie selber finden kann, anders aber mit sich selbst im Reinen sein kann. Denn, wie Du sagst, unterliegen wir immer dem Prozess der Entwicklung. Scheint es in dem einen Moment so, dass wir uns gefunden haben, so ist es im nächsten Moment wieder etwas, das uns an uns selbst so überrascht, dass wir wissen, dass wir uns überhaupt nicht selbst gefunden haben können.
    So ist es in den Texten, in denen man sich verliert und erst Jahre später wiederfindet.

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  7. Und ebenso mit dem Stil, den man mal verliert und dann auch nach Jahren vielleicht wiederfindet. Er spiegelt einen Teil von sich wieder. Und wie das ebenso ist, hat ein Mensch gute und schlechte Teile. Und ebenso ist das Geschriebene, von sich selbst, mal als gut und mal als schlecht zu bewerten. Allerdings: Immer irgendwie bewertet. Immer irgendwie gewertet.
    Ja, aber an deinem Beispiel, wenn ich es auf mich beziehe, wird deutlich, dass es eine Mischung aus dem impliziten Leser und der Trance ist. Denn auch wenn ich denke, dass ich antworten muss und dass das was ich schreibe passen muss, so bedeutet das nicht, dass ich vorher drüber nachdenke, was ich schreibe, sondern einfach schreibe. Das ist bei mir immer schon so gewesen. Im nachhinein betrachtet ist das vielleicht nicht immer so gut und dennoch ist es das, was das Schreiben ausmacht. Natürlich stoppe ich ab und an und denke, was nun richtig wäre. Und was ich schreiben will. Doch irgendwo ist da diese Fließbewegung, in der ich einfach aufgehe. Und in der ich einfach das schreibe, was geschrieben werden soll. Weil die Wörter sich selber finden. Und das ist die Kunst: Zu schreiben, um des Schreibens Willen, wie Du bereits sagtest. Die Wörter und Worte kommen von alleine. Und mögen sie vielleicht auch ein wenig unpassend erscheinen, sie werden schon ihren Sinn haben. Denn die Gedanken sind ja da.
    Und ebendrum sind die Worte nicht falsch und richtig. Du sprichst von den Erwartungen und hast damit vollkommen recht. Wenn man sich von diesen nicht lösen kann, dann ist das Schreiben wie Teilen durch Null. Nicht möglich.
    Beim Schreiben ist eben nicht das Ziel das Wichtige, sondern alle anderen Faktoren. Das Versinken und das überhaupt irgendwie Worte finden, wenn sie vielleicht auch nicht ganz das sind, was man eigentlich finden wollte. Aber es ist doch immer so, dass man irgendwann einmal anfangen muss. So läuft man vielleicht beim ersten Mal joggen nur 10Minuten, schafft aber irgendwann doch 1 1/2 Stunden. Die Steine setzten sich nach und nach zu einem Bild zusammen. Eines, das immer unvollständig sein wird, aber eben aus dieser Unvollständigkeit besteht. Wenn man mit Worten alles erfassen könnte, dann gäbe es nichts mehr, was nicht zu erfassen lohnt.

    Und nicht der Zwang, immer gegen das zu sein, was die Gesellschaft von einem verlangt. Es sollte überhaupt keinen Zwang geben. Zugegeben das Wort Freiheit ist schwer zu verwenden. So sind wir niemals wirklich frei. Doch wir können zumindest selbst bestimmen, inwiefern wir uns eingrenzen lassen. Inwiefern wir uns den Atem des Lebens rauben lassen. Und inwiefern wir unsere eigenen Ziele verfolgen, nicht die der Gesellschaft.

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